Künstlerportrait des Monats
März 2025
Paul Diestel
Bildhauer
Ein Interview mit Bildhauer Paul Diestel
Frage: Bitte stelle dich unseren Lesern kurz vor. Wer bist du und was machst du als Künstler?
PD: Ich bin 1996 geboren und in Unsleben aufgewachsen. Bis 2019 habe ich Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel bei Norbert Radermacher und als Meisterschüler bei Mirjam Thomann studiert. Seitdem bin ich selbstständig tätig und realisiere Ausstellungen und Skulpturenprojekte.
Frage: Wann und wie hast du begonnen, dich künstlerisch zu betätigen?
PD: Es gab für mich keinen festen Beginn künstlerischen Wirkens. Als Kind bin ich auf den (privaten) Baustellen meiner Eltern groß geworden und war schon damals fasziniert davon, wie veränderbar der uns umgebende Raum ist. Ich hatte das beständige Bedürfnis, produktiv zu sein und Material zu formen. Das Ziel dieser Produktivität war selten ein funktionales Produkt, viel mehr hat mich das im Prozess erscheinende Unerwartete interessiert. Diese Neugierde ist geblieben.
Frage: Gab es einen bestimmten Moment oder Einfluss, der dich dazu inspiriert hat?
PD: Schon als Kind durfte ich bei Heike und Klaus Metz in Langenleiten Dinge aus Ton formen, wenn meine Eltern sie im Atelier besucht haben. Das hat meinen Horizont unschätzbar erweitert und der spielerischen Tätigkeit eine Seriosität gegeben, oder anders gesagt einen Namen: Kunst. Nach dem Abitur und während dem Studium habe ich viel Zeit in ihrem Atelier verbracht. Das gab mir die Perspektive, dass ein künstlerisches Wirken außerhalb der Großstädte nicht nur möglich, sondern vorteilhaft und lebenswert sein kann, vor allem in der Rhön 🙂
Frage: Was sind deine bevorzugten Medien oder Techniken, mit denen du arbeitest?
PD: Hauptsächlich arbeite ich mit natürlichen Materialien wie Holz, Ton oder Erde. Dabei verändere ich die Form der Materialien, verdichte und poliere sie. Dem natürlichen Kreislauf entnommen behalten sie so lange ihre Form, bis sie sich irgendwann von selbst ihren Weg zurück in die Natur suchen.
Frage: Welche Themen oder Motive inspirieren dich in deiner Kunst?
PD: Mich interessieren die Narrative, die wir mit natürlichen Fragmenten wie Ahornsamen, Puppenstadien, Körnern, Samen etc. verbinden. Sie spiegeln Momente zirkulärer Metamorphosen, die sich auch auf das menschliche Leben übertragen lassen.
Frage: Kannst du uns etwas über deinen kreativen Prozess erzählen? Wie gehst du vor, wenn du ein neues Kunstwerk schaffst?
PD: Da ich meine organischen Formen aus vielen miteinander verbundenen Holzteilen aufbaue, kann ich raumgreifend arbeiten, ohne vom Grundmaß eines Stammes abhängig zu sein. Wenn der Prozess der Formfindung abgeschlossen ist, verabschiede ich mich allerdings von der Holzoberfläche. Mit den ersten Schichten farbiger Erdpigmente verschwinden die Maserung und alle sichtbaren Holzverbindungen. Jede weitere Schicht, die ich auftrage, schleife und poliere, lässt die Form der Skulptur klarer erscheinen.
Frage: Gibt es andere Künstler oder Kunstbewegungen, die einen Einfluss auf deine Arbeit haben?
PD: Sehr viele. Um eine Auswahl zu nennen: Giuseppe Penone, Wolfgang Laib, Simone Leigh, Christiane Löhr, Theaster Gates, Otobong Nkanga, Tony Cragg, Micha Ullman, Thomas Schütte, Rachel Whiteread,…
Frage: Welche Bedeutung hat Kunst in deinem Leben?
PD: Kunst zeigt uns konkret den Facettenreichtum menschlicher Wahrnehmungsweisen. Ich denke, dass Kunst und Kultur damit wichtige Werkzeuge zur Förderung der Ambiguitätstoleranz sind, also der Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten zuzulassen. Ohne diese Fähigkeit leidet die Demokratie. Dank der Kunst kann ich mich in andere Perspektiven versetzen und davon lernen. Dafür bin ich dankbar.
Frage: Hast du besondere Ziele oder Projekte, an denen du derzeit arbeitest oder auf die du hinarbeitest?
PD: Aktuell bereite ich zwei Galerieausstellungen und eine Präsentation auf der Kunstmesse ArtDüsseldorf vor. Außerdem entstehen in der Bronzegießerei Gugg in Straubing zwei Projekte für den öffentlichen Raum.
Frage: Hast du einen bestimmten Lieblingsmoment oder Erfolg in deiner künstlerischen Karriere, den du gerne teilen möchtest?
PD: 2015 unternahm ich eine Wanderung nach Bamberg, wo ich durch Zufall den Schriftsteller Gunther Geltinger kennenlernte. Aus dieser Begegnung entstanden eine Freundschaft und ein künstlerischer Austausch, der in einer gemeinsamen Ausstellung mit Lesung in der Villa Concordia, Bamberg, führte.
Frage: Wie gehst du mit künstlerischer Blockade oder Rückschlägen um?
PD: Der Zweifel zwingt mich, meinen Weg zu überdenken und zeigt mir so etwas Ungeahntes. Das kann unangenehm sein und Stress verursachen, insbesondere vor einer nahenden Deadline, aber auch ungeheuer fruchtbar sein. Letztendlich macht uns dieser Prozess menschlich und unterscheidet uns von der künstlichen Intelligenz.
Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, um unsere Fragen zu beantworten.
Kontakt: www.pauldiestel.com * Instagram